Mittwoch, 4. November 2015

#Stiefmutterpost Nr. 3

Unerwartet durfte die Große letztes Wochenende zum Umgang zu uns kommen. Ich hatte ja schon erwartet, dass Else uns wieder 100km umsonst fahren lässt, damit wir 100km ohne Emma wieder zurück fahren konnten. Aber diese Befürchtung bestätigte sich nicht.

Das Wochenende selbst war ... irgendwie stressig. Was wohl daran lag, dass wir für den ersten Geburtstag des Jüngsten einiges vorbereitet hatten und die Kinder mittendrin ein wenig Chaos gestiftet haben.
Die Große macht es einem nicht wirklich leicht. Mal möchte sie teilen - wenn sie das Spielzeug des Jüngsten haben möchte - mal wird sie richtig sauer, wenn klein MJ dann an ihre Spielsachen geht. Sie nimmt ihm auch gern genau das weg, was er sich gerade zum spielen genommen hat.
Bisher habe ich das recht locker gesehen. Da sich aber herauskristallisiert, dass die Große mit den Spielsachen anderer so umgeht, dass sie kaputt gehen und sie sehr gemein in Bezug auf teilen ist, müssen wir wohl diesen Situationen besondere Aufmerksamkeit schenken.

Ich musste mir sagen lassen, dass Kinder in dem Alter schon sehr manipulativ sind.
Man merkt es schon, wenn sie ihre Schwester immer wieder verpetzt, um dann die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist wohl das Resultat aus der Bevorzugung der Großen ihrer Schwester gegenüber von Else. Die Schwester kriegt wohl immer Ärger.

Hier hat die Große anscheinend auch unkontrollierte Wutausbrüche. Sie reißt die Tapeten in ihrem Zimmer ab und tritt gegen ihre Sachen. Bis zu dem kommenden Wochenende müssen wir uns überlegen wie wir damit umgehen.

Es gab Sonntag eine Situation über die ich sogar jetzt noch sehr viel nachdenke.
Ich hatte ihr morgens schon erklärt, dass sie nicht an unseren Handys beigehen darf. Die sind teuer und es kann etwas passieren, wenn sie die falsche Taste drückt.
Nach dem vormittäglichen Spaziergang wollte sie Fernseher gucken. Der Papa ging pieschen und ich kam ihr zeitverzögert ins Wohnzimmer hinterher. Dabei erwischte ich sie wie sie mein Handy in der Hand hielt und damit spielen wollte.

Ich habe dann auch gleich losgeschimpft.  
- An dieser Stelle entstand das große Problem. Bevor ich darauf eingehe, beschreibe ich erst einmal die Situation. -

Mit schimpfen meine ich nicht schreien, grob sein oder sonst etwas derartiges, was viele aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen wohl immer denken. Ich selbst bin mit Gewalt, harten Strafen, sehr strengen Regeln und kaum Freude aufgewachsen. Es gab ab der Grundschulzeit viele Abende, an denen ich mit dem Gedanken einschlief, dass ich am nächsten Morgen einfach nicht mehr aufwachen möchte. Ich war sehr oft traurig, fühlte mich allein und ungewollt. Manchmal stellte ich mir vor, dass die Polizei klingelt und mit meinen richtigen Eltern vor der Tür stehen und mich aus dem Horrorhaus holen. Erst als ich mit 12 Jahren die Rufnummer aus dem Frauenhaus wählte, meiner Mutter den Hörer in die Hand drückte und ihr zusammen mit meinem Bruder Mut machte, hörte es endlich auf.

Was ich damit sagen möchte: das Thema Erziehung ist sehr schwierig. Insbesondere in unserem Fall, wenn die Große verhaltensauffällig ist und dazu neigt anderen Kindern Leid zuzufügen.
Deshalb achte ich auf so viele Dinge und versuche mich in ihre Situation hinein zu versetzen.
Wenn ich also schreibe, dass ich geschimpft habe, dann läuft es sicher nicht so ab wie in den Familien die früher bei der Super Nanny gezeigt wurden.

Der Papa selbst kriegte es im Bad mit. Kam dann auch dazu, stand allerdings hinter mir im Flur - nicht sichtbar für die Große - und wollte abwarten.
Meine jetzige Wortwahl entspricht nicht exakt der, die ich für die Große verwendet habe. Deshalb sollte man sich nicht an zu harten Sätzen stoßen ...

Ich fragte, was das soll. Was ich ihr morgens erklärt hatte. Da ich eine Erklärung von ihr wollte, wartete ich auf eine Antwort. Diese kam nicht. Sie saß grimmig schauend auf der Couch. Deshalb sagte ich ihr noch einmal in schärferem Ton als am Morgen, dass sie nicht an die Handys darf, weshalb das so ist und es mir egal ist, dass sie das bei ihrer Mutter darf. Hier darf sie es nicht und sie hat sich an die Regel zu halten.
Im ruhigeren Ton sagte ich ihr, dass ich es überhaupt nicht toll finde, dass ich deswegen schimpfen muss und fragte sie, ob sie es schön findet. Sie schüttelte dann schon eher schuldbewusst schauend den Kopf.
Sicherlich tat sie mir an dieser Stelle sehr leid. Ich fühle mich generell sehr unwohl, wenn ich in irgendeiner Form eine unangenehme, erzieherische Aufgabe für die Große übernehmen muss. Ich schiebe da gern den Liebsten vor. Mir war aber auch bewusst, dass ich, wenn ich jetzt einknickte und schwach wurde, den Grundstein der Inkonsequenz legte und wir damit garantiert noch mehr Schwierigkeiten in der Erziehung haben werden.
Also sagte ich ihr, dass das absolut nicht in Ordnung ist und sie gleich dem Papa erklären kann, was sie gemacht hat.
Er selbst hatte ihr vorher auch schon gesagt, dass sie da nicht beigehen soll.
Er kam also ins Wohnzimmer, setzte sich neben sie und fragte, was passiert sei.
Ziehtochter sprach dann kein Wort mehr.
Vorher hatte ich sie noch gefragt, warum sie ans Telefon gegangen ist. Sie erklärte mir dann mit langer Überlegung: "Na, weil ... ich ... ich wollte nachschauen, ob da ein Anruf drauf ist."
"Aaaah ja." dachte ich mir. Das war ja clever gelogen. Bei Else darf sie mit ihren 4 Jahren auf dem Handy spielen. Ihr ist es so ziemlich egal, dass da Abos etcpp abgeschlossen werden können, wenn sie auf Werbung und Co. klickt. Ich wusste also, was sie wollte. Trotzdem wollte ich ihr die Möglichkeit geben, dass sie sich erklären kann. Ich habe es allerdings bei fer Lüge belassen. Zu viele Lektionen auf einmal sind auch nicht wirklich gut.

Ich sagte ihr noch, dass ich eigentlich die Eiskönigin anmachen wollte. Dazu hatte ich dann aber keine Lust mehr, weil sie nicht hört und ich es nicht okay finde, dass sie dafür dann auch noch einen schönen Film gucken darf. Aber das muss dann der Papa entscheiden.
Ich ging aus dem Raum, um den Jüngsten zu wickeln und ihr die Möglichkeit zu geben mit dem Papa allein zu reden.
Sie fing jedoch an zu weinen. Das war nicht toll. Ich gehe aber davon aus, dass das heraus musste, weil sie gemerkt hat, das sie etwas angestellt hatte.
Als ich wiederkam hatte sie immer noch nicht geredet. Ich wartete noch einen Moment, hockte mich dann vor sie und fragte, ob wir es gemeinsam dem Papa erzählen. Man hat gesehen, dass sie etwas erleichtert war und dann wieder auftaute.
Auftauen ... das Wort passt nicht ganz. Sie war ziemlich zornig und bockig. Also eher - zugänglich.
Letztendlich musste ich es allein erklären, weil sie sich immer noch schämte(?).

Der Liebste erklärte es ihr auch noch einmal eindringlich. Wir haben sie dann zum Naseputzen geschickt und der Papa sagte, wenn sie jetzt aufhört zu bocken, dann darf sie den Film schauen.


Wenn ich diese Textpassagen immer wieder mit Zeitabständen dazwischen lese, dann hört es sich wirklich böse an. So war es aber definitiv nicht. Ich glaube, dass ich genug Einfühlungsvermögen besitze, um es so altersgerecht wie möglich zu machen.
Mir wurde, als ich es noch viel kürzer gefasst schilderte, ein schlechtes Gewissen gemacht. So könne man nicht mit Kindern umgehen.
Ich habe mit dem Liebsten darüber gesprochen und tatsächlich an mir gezweifelt. Aber wir wissen beide, dass das so sein musste. Kinder müssen doch ab einem gewissen Alter merken, dass die Situation ganz anders, viel ernster ist als andere Alltagssituationen?!
Ich frage mich immer wieder wie man es sonst anstellen soll. Und aufgrund meiner Erfahrungen als große Schwester und dem, was mir alles passiert ist, meine ich, dass es wirklich wichtig ist, das man dem Alter entsprechend mit dem Kind schimpft und auch Konsequenzen aufzeigt. Wie soll ein Kind denn sonst die Grenzen gesetzt bekommen?

Wenn irgendjemand anderes weiß, was es für Alternativen passend auf unsere Patchworksituation gepaart mit der fehlenden Erziehung der Else gibt, dann immer her damit!
Und nun kehre ich wieder in mich und denke weiter darüber nach.

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