Freitag, 22. Juli 2016

Baby ist da!

Kommt irgendwo ein Kind zur Welt,
ein Engel sich daneben stellt.
Und Tag für Tag,
und Nacht für Nacht,
ein Leben lang
es nun bewacht!
Verfasser unbekannt

Unsere kleine Tochter ist nun eine Woche jung und hat uns ganz schön um den Finger gewickelt. Ich kann mich nicht satt sehen an diesem zarten Gesicht und den unglaublich vielen und vor allem langen Haaren!

Es war einmal wieder turbulent. Nachdem ich Mittwoch so extreme Wehen ohne irgendeine Veränderung hatte, ging es Donnerstag Abend genauso weiter. Allerdings nicht lang. 
Ich dachte eigentlich, dass es schon der schlimmste Schmerz unter der Geburt wäre, wenn das Kind am Schambein festhängt und mit jeder Wehe darauf drückt. Dieses Mal wurde ich eines besseren belehrt. Es fühlte sich an, als würde mir jemand den Muttermund per Hand öffnen. Jaaaaah, das wird auch gemacht - aber eher selten.

Ich wollte eigentlich unbedingt den RTW rufen, weil das wirklich nicht auszuhalten war. Aber dann wäre ich ins nächste Krankenhaus gebracht worden. Da wollte ich niemals wieder entbinden. Also riskanterweise ins Auto und ab ins Wahlkrankenhaus. 
Ich weiß wirklich nicht mehr wie ich das geschafft habe. Die ganze Zeit habe ich den Moment herbei gesehnt, dass sie mir Wehenhemmer geben. 
Obwohl ich niemals eine PDA wollte - und so etwas auch immer noch ganz schrecklich finde - habe ich danach gebettelt. 

Dort angekommen war natürlich der Befund unverändert. Die einzige Hebamme dort musste grad die bevorstehende Geburt einer anderen Frau leiten. Also blieb der Doc bei mir. Ich glaube, dass der schon etwas ratlos war aufgrund der ganzen Vorgeschichte.
Ich habe die ganze Zeit nach diesen verfluchten Wehenhemmer gebettelt. Er meinte allerdings, dass ich die ja nicht ewig bekommen könne. Das Baby muss ja auch irgendwann raus. Ich war schon richtig sauer und fragte dann wie das Kind rauskommen soll, wenn sich da unten nichts öffnet.
Er meinte, dass es dann ja nur eine Möglichkeit gibt und er das auch aufgrund der Situation so empfehlen würde. Ich fragte direkt, ob er von einem Kaiserschnitt spricht und sagte: "Nehme ich sofort. Wo bleibt der Wehenhemmer? Ab in den OP, Vollnarkose und Kind holen."

Ich muss an dieser Stelle erklären, dass ich der Schulmedizin ziemlich kritisch gegenüber stehe. Krankenhäuser, Medikamente, Arztbesuche und Co. sind mir wirklich verhasst.
Lieber lege ich mich eine Stunde hin anstatt eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Insofern es mit den Gegebenheiten (Kind und Co.) vereinbar ist ...
Das ist auch der Grund, weshalb ich nie wieder in dem nächstgelegenen Krankenhaus entbinden möchte. 
Man gab mir unter der Geburt ohne meines Wissens Tramal (Opiat) und solche Dinge. Ich bin nach nun über 1,5 Jahren immer noch so unglaublich fassungslos darüber ... und wirklich dankbar, dass klein MJ keinen Schaden davon getragen hat. Das hätte wirklich beinahe anders geendet.

Ich bin also auch extrem ängstlich was Operationen usw betrifft. Niemals konnte ich verstehen warum Frauen einen geplanten Kaiserschnitt einer natürlichen Geburt vorzogen. Ist mir wirklich immer ein Rätsel gewesen.
Jetzt im Nachhinein denke ich, dass man definitiv eine natürliche Geburt probieren sollte. Aber ich werde dem Kaiserschnitt nicht mehr so ängstlich gegenüber stehen.

Der Anästhesist hatte mich bereits am Mittwoch über alles aufgeklärt. Da sagte ich bereits, dass ich wirklich Angst habe und nichts von der OP wahrnehmen möchte. Weder Geräusche noch Ruckeln oder sonst etwas. Deshalb kam für diesen Fall definitiv nur eine Vollnarkose in Frage.
Die Nacht danach waren andere Anästhesisten da. Die waren wenig begeistert und wollten mich noch einmal umstimmen.
Mir war wirklich bewusst, dass eine Vollnarkose riskanter ist. Aber anders herum wollte ich wirklich nichts aus diesem Zeitabschnitt an Erinnerungen mitnehmen. Die Angst vor einem Trauma oder ähnlichem ist einfach zu groß.

Dafür musste ich die komplette OP-Vorbereitung ohne Beruhigungsmittel oder ähnlichem überstehen. Ihr wisst ja, Katheter, 2. Zugang, Desinfektion, OP-Tuch auf den Bauch drücken usw usw.
Das erste Narkosemittel wurde gespritzt. Und dann wirkte der Wehenhemmer nicht mehr. Ich hatte bereits so eine dicke Sauerstoffmaske auf, mit der man so schwer atmen kann. Und die Wehe, die kam, tat wieder so richtig weh. Kurz bevor ich am liebsten aufgesprungen wäre, gab es das letzte Mittel. Und damit wurde ich sofort ... es ist schwer zu beschreiben wie sich das anfühlt. Meine erste OP ist 15 Jahre her. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.
Ich würde es allerdings - ohne jemals Erfahrungen mit irgendeiner Droge gemacht zu haben - behaupten, dass das wie ein Rausch war, in den ich fiel.

Beim Erwachen weiß ich, dass sie mich gerade in mein Bett gelegt haben. Irgendeine Frau sagte noch, dass sie mich etwas schräg lagern sollen und mir wurde eine von diesen tollen Binden zwischen die Beine gepackt.

Und dann ging es los: man stellte mir Fragen auf die ich antworten sollte. Ich war noch ziemlich weit weg im Sinne von bewusst wahrnehmen. Es ging deshalb nicht. Ich konnte nicht antworten, nicht mal meine Augen öffnen. Und ich wurde auch zunehmend sauer, weil es mich nervte. Ich war so müde und wollte schlafen und nicht aufwachen und Fragen beantworten. Außerdem fühlte es sich schrecklich an aus der Vollnarkose zu erwachen. Diese fühlte sich nämlich toll an.

Irgendwann schaffte ich es ein "mmhmmh" heraus zu kriegen. Und dann musste ich erst einmal schmatzen. Mein Mund war so furchtbar trocken und ich hatte ein Kratzen im Hals. Als ich immer mehr wahrnehmen konnte, dachte ich mir schon, dass das vom Tubus kam.
Ich bekam einen Schmerztropf vom Anästhesist. Und meine erste Frage war, ob es ihr gut geht. 
Ich ertastete einen dicken Schlauch und nuschelte, ob es der Schmerztropf sei - der Anästhesist musste einmal nachfragen, weil er mich nicht verstanden hatte. Klingt eigentlich lustig. Aber diese kurze Zeit im Aufwachraum war so furchtbar ...
Er kam, guckte und meinte: "Das ist der Katheter." Na toll, das Ding wurde ich also auch nicht unter der Vollnarkose los, sondern, sobald ich das erste Mal aufstehen konnte.
Ich habe noch so viel Zeugs erzählt - der arme Mann! Ich fragte zum Beispiel wie Drogensüchtige so etwas nur toll finden können, weil es sich nicht - absolut nicht!!!!!! - gut anfühlt, wenn dieses Zeug nachlässt. Und ich fragte noch mehrmals nach, ob es meiner Tochter wirklich gut ging, weil ich immer wieder vergaß, dass ich bereits gefragt hatte. 
Ich wollte auch wissen, warum er diesen Job machen möchte. Irgendwie war ich nämlich irritiert, weil es für mich eine komische Beschäftigung wäre die Menschen jeden Tag zu "betäuben". 

Sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, dass er mich deshalb ein wenig früher zurück gebracht hat :D
Es hat übrigens eeeeeewig gedauert, bis ich endlich meine Augen offen halten konnte. 
Als ich aus dem Fahrstuhl geschoben wurde, kam mir auch schon mein Mann entgegen. 
Mein Gott, was er in den letzten Wochen alles mitmachen musste :( Und klein MJ erst ... das ist etwas, was mich am meisten mitgenommen hat und weshalb ich immer so unglaublich angespannt war. But nobody ist perfect. Und so konnte ich es eben nicht allen recht machen.

Jedenfalls kam ich auf's Zimmer und mein Mann brachte mir dieses kleine, zarte Wesen mit dem kleinen Kopf und den vielen, langen Haaren. Ich war immer noch nicht ganz da, mir war jedenfalls alles recht. Bisauf eines: ich wollte sofort stillen. Und das klappte auch gleich. So halb narkotisiert erinnere ich mich nicht daran wie ich mich gefühlt habe. Das ist wohl genau das, was mir an diesem Zeug suspekt ist: keine Emotion spüren zu können.
Es war bereits kurz nach 2 Uhr nachts und ich war richtig ausgehungert. Ich hatte mittags das letzte Mal vernünftig gegessen und zur Kaffeezeit nur etwas Wassermelone.

Als es dann endlich Morgen wurde und die neue Schicht mobil wurde, fand ich es erstaunlich wie viel sie einem halfen. Ich wurde frisch gemacht und man entleerte mir den Beutel. Es war mir unangenehm, dass ich so unselbstständig war und bedankte mich für jede Kleinigkeit, weil ich wirklich froh über so eine Einstellung war.
Ich hatte ja in dem anderen Krankenhaus bei der ersten Entbindung mitbekommen, wie die Frau neben mir nach ihrem Kaiserschnitt sich selbst überlassen war. 

Vor dem Frühstück versuchten wir die ersten Gehveruche. Ich kam nicht einmal einen Meter weit. Allerdings war die OP nicht einmal einen halben Tag her. Ich konnte mich dann mit einer Schale Wasser frisch machen. Und darüber war ich schon mächtig stolz!
Wir wollten es mittags noch einmal probieren. Da klappte es dann auch.

Samstag Abend brauchte ich zum letzten Mal den Schmerztropf. Sonntags nahm ich schon eher in recht großen Abständen die zusätzlichen Schmerztabletten. Montags kam ich fast ohne aus. 
Und, weil dort einiges in Bezug auf die Kinderarztkommunikation schief lief, für mich montags eine Welt zusammen brach, entließ ich uns doch einen Tag eher als empfohlen. 
Und es war gut so. Ich habe an diesem Tag viel geweint. Allein im Krankenhaus zu bleiben wäre wohl nicht so gut ausgegangen wie es jetzt gelaufen ist. Ich konnte mich jedenfalls daheim fangen, die Situation akzeptieren und empfinde nun schon Hoffnung und freue mich auf baldige - hoffentlich gute - Nachrichten.

Mittlerweile sind wir auch Zuhause angekommen. Ich kann definitiv noch nicht viel machen und ich lasse mir auch viel Zeit bzw. lasse dann andere Dinge liegen, um mich nicht zu übernehmen. Aber es wird besser. 



Und nun versuche ich ein wenig Zeit verstreichen zu lassen und nicht mehr über die letzten Wochen nachzudenken. Irgendwann nehme ich mir dann die Zeit um noch einmal über alles das zu sinnieren und dann mit etwas Abstand zu werten.


Was übrigens wirklich erstaunlich war: am Abend vor der OP gingen wir spazieren. Und dann spricht mich ein fremder Mann aus der Nachbarschaft von der Seite an und baut sich vor mir auf. Er rügte mich, weil ich das Wochenende zuvor den Kids abends gegen halb 9 sagte, dass sie es sein lassen mögen mit dem Ball zu spielen. Diese hingerotzte Antwort dieses Individuums ... Sorry, als ich so etwas in dem Alter wagte, gab es von den entsprechenden Personen richtig Ärger. Ich drohte jedenfalls damit, dass ich herunter komme und ihnen den Ball wegnehme und verbrenne. Eigentlich wollte ich noch dazu sagen, dass ich dann wie Rumpelstilzchen ums Feuer tanze. Ich glaube allerdings, dass sie das nicht verstanden hätten.
Jedenfalls schimpfte mich jemand, dass es KINDER seien - die, sorry für die Wortwahl - den ganzen Tag mit dem Arsch nicht aus der Bude kommen, die Nachbarschaft mit lauter Musik beschallen und dann scheinbar! abends heraus geschmissen werden. 
Einmal davon abgesehen, dass Schulkinder abends eigentlich zur Ruhe kommen sollten, um dann zeitig schlafen zu können, ist es mir ein Rätsel wie man noch nicht einmal pubertierende KINDER!!!! nach der Schule die ganze Zeit ohne Aufsicht daheim lässt. Von Aufsichtspflicht halten einige wohl genauso wenig wie von Erziehung und Grenzen setzen. 

Als ich nach dem Namen des Mannes fragte, meinte er, dass es mich nichts anginge. Da hätte ich einfach lachend weitergehen sollen. Stattdessen ließ ich mir noch von einem allwissenden Mann erklären, dass es ja verantwortungslos sei Diazepam zu nehmen. Der Typ wollte mir doch tatsächlich unterstellen, dass ich damit klein MJ ruhig stelle ... Ich wusste gar nicht wie viel Selbstbeherrschung man als Hochschwangere tatsächlich noch haben kann.
Das Diazepam bekam ich schließlich auf anraten der Ärzte. Und ich nahm es nicht einmal dann, als es mir gegeben wurde, weil ich durch die Epilepsie der Großen weiß, was Diazepam für ein Medikament ist, sondern erst mehrere Tage später als wirklich gar nichts mehr ging. 
Und diesem Menschen wollte ich dann auch nicht verraten, dass mir die Ärztin 2 Tage zuvor noch mehr davon verschreiben wollte ... 
Gleichzeitig fiel mir dieser Mensch permanent ins Wort. Dem wurden wohl als Kind die Löffel nicht lang genug gezogen. Wenn der auch nur annähernd so unmöglich seiner Frau gegenüber ist, dann tut sie mir wirklich leid. Den Mund zu weit aufmachen und dann nicht einmal Anstand haben. Das war mir dann wirklich zu doof, weshalb ich weiter ging.

Ich muss nicht zig mal erklären, dass wir letztes Jahr 3 Mal um weniger Bass beim feiern gebeten hatten bei der Jugendweihe der Nachbarn bis wir dann 2 Uhr nachts!!!!! die Polizei hinzu zogen. Hätte so nicht sein müssen. Aber, wenn man kurz leiser macht, um es danach dann wieder lauter zu machen, fehlt mir nach zweimaliger Bitte jegliches Verständnis. Das Gleiche hatte ich noch zum Sommerfest probiert. Ist ja schließlich kein schlechter Kompromiss etwas leiser feiern zu können. Aus meiner Jugendzeit weiß ich jedenfalls, dass die Lautstärke nicht den Spaßfaktor ausmacht. Scheint wohl Richtung Wechseljahre anders zu werden ...
Da wurde ich dann noch bedroht und am Arm gepackt, obwohl ich klein MJ auf dem Arm hatte, der sofort zu weinen anfing. 
Seitdem ist mir wirklich alles egal. 
Entweder man akzeptiert, dass das Leben seinen Lauf nimmt und neue Menschen hinzu ziehen, weshalb man sich immer wieder neu anpassen sollte, um einen guten Mittelweg für alle zu finden oder man verbaut sich wirklich jegliche Chance. 
Und da habe ich dann auch keine Zeit für so wenig Niveau übrig. So etwas gab es in meinem Heimatdorf nicht. Nachbarschaft geht anders und wir haben uns dabei große Mühe gegeben. 

So etwas muss man sich dann geben lassen ... das einzige, was dieser Mensch erreicht hat, ist, dass ich ihn ausgelacht habe und mir wirklich sicher bin, dass wir mit dem Grenzen setzen bei unseren Kindern definitiv nichts verkehrt machen. Gott sei Dank, bestätigt unsere Familienhilfe auch immer wieder, dass das wirklich wichtig ist :)

Also dann, auf ein baldiges wieder-von-der-Seite-anquatschen, Herr unbekannter Nachbar ;)

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