Freitag, 5. Mai 2017

Freitagsklatsch

Eigentlich. Das ist ein Wort, welches mittlerweile so stark in meinem Wortschatz verankert ist, dass ich es bereits auf eine rote Liste gesetzt habe. Wie immer nehme ich mir etliche Dinge vor, die am Ende des Tages auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben werden müssen.

So habe ich mir das Muttersein nicht vorgestellt. 

Einmal davon abgesehen, dass ich mit der ersten Schwangerschaft Startschwierigkeiten hatte, kam dann doch recht schnell diese typische Wunschvorstellung einer natürlichen Geburt mit wahnsinnig viel Zeit zum Kuscheln im Wochenbett, Stoffwindeln, Tragen, Stillen und all den anderen Dingen, die man in der Sparte bedürfnisorientiert findet.

In der Realität angekommen war schon die Schwangerschaft eine große Herausforderung.

Ich rutschte in das Chaos eine angehenden Patchworkfamilie. Bisher hatte ich Berührungsängste einen Mann mit Kind kennen zu lernen. Sind diese doch in meinen Vorstellungen von ihrer Vergangenheit befangen und bringen unkalkulierbare Faktoren mit. Wie zum Beispiel die Expartnerin.

Menschen sind oftmals so voller Emotionen, dass sie ganz schnell die Ganzheit des Lebens vergessen. Dass sie oft auch sich selbst vergessen. 
Klar, es muss so nicht sein. Aber voll von Zorn, Neid, Missgunst und Eifersucht oder gar Frustration, dass man nicht mehr so qualitativ leben kann, führt auf Wege, die man besser nicht gehen sollte.

So befand ich mich also plötzlich in einem ... Rosenkrieg kann man es eigentlich nicht nennen, da es ja eigentlich um ein Kind ging. 


Muss man Angst davor haben, dass es andere Mütter besser machen?

Nein. Muss man nicht. Denn eigentlich machen sie es nur anders. Eigentlich liebt JEDE Mutter sein Kind und möchte es beschützen, so wie all die anderen Mütter ihre Kinder lieben und beschützen.
Und natürlich vergisst man das ganz schnell, fühlt sich angegriffen und holt zum vermeindlichen Gegenschlag aus.

Andere Meinungen und Sichtweisen sind verkehrt.

Das ist ein ganz großes Problem in unserer Gesellschaft. Man versteht nicht, dass andere Menschen ganz andere Toleranzgrenzen haben, andere Wünsche und Vorstellungen vom Leben. Und ganz schnell wird dann von dem abgegrenzt, was einem vertraut ist. Man wendet sich ab oder gar schlimmer: man schickt das Unbekannte ins Jenseits. 
Doch, wem ist dabei bewusst welchen Trümmerhaufen man dabei hinterlässt? Augenscheinlich niemandem. Denn es bleibt kein Platz, um sich um das Pech eines anderen zu kümmern, in das man die Person geschickt hat.

Ich habe noch heute jeden Tag den Kopf voll.

Voll von Menschen, die, ohne mich zu kennen ein Urteil sprachen und sich gegen mich stellten. Voll von Geschehnissen, die mir im Herzen weh tun, weil sie Leid verursacht haben. Voll von Entbehrungen für andere. Voll von der Sorge was der nächste Tag bringen wird.

Und natürlich drehe und wende ich alles zig Mal, um einen Ausweg zu finden und zu verstehen, warum das alles so kam. Dabei fallen mir viele andere Wege ein, so wie es hätte ablaufen können. Doch wie das so ist im Leben: jeder Stein, der ins Rollen gebracht wird, entwickelt seine eigene Dynamik. Da kann man nicht wie bei einer Kapitalanlage einfach so berechenbare 5% vorgeben.

Irgendwann lernt man daraus.


Man schraubt seine Ansprüche herunter. Man sortiert seine Prioritäten. Man teilt die wenigen Kräfte neu ein. Und schon verändert sich die Dynamik wieder.

Für mich ist es deshalb völlig okay, dass ich es immer noch nicht geschafft habe den Vorgarten komplett zu vertikutieren und den Rasen neu zu säen. Für mich ist es okay, wenn ich erst abends den Geschirrspüler einräume und bis dahin einiges stehen bleibt. Für mich ist es okay nicht mehr jeden Tag etwas Frisches zu kochen oder vor Freude strahlend und durchgestylt die Kinder auszuführen, sondern eben mit wehenden Zotteln und einer verstaubten Leggings Rutschen des Todes zu rutschen.
Ich habe gelernt, dass ich nicht glücklicher bin, wenn ich eine Louis Vuitton Handtasche in meinem Armgelenk schaukeln habe und Pumps mit Absätzen jenseits der 7cm trage. Letztere habe ich erst kürzlich gespendet. 
Schon längst sind all die schicken Oberteile mit Ausschnitt und Hüfthosen aus meinem Schrank verschwunden. Die Nagellacke zwicken mit ihrem penetranten Geruch auch nicht mehr in meiner Nase. 

Nein. Ich bin damit nicht weniger glücklich. Ich vermisse es nicht, erst morgens um 7 Uhr nach Hause zu kommen, um noch eine Mütze Schlaf für meine 11 Uhr Spätschicht zu bekommen. Ich vermisse es nicht berauscht vom Tequila genüsslich eine Zigarette von Mitfeiernden zu schnorren und dabei zu überlegen, ob ich mir noch einen Vodka Energy leisten kann. 

Ich vermisse es auch nicht mich so jung zu fühlen. Ich fühle mich nämlich furchtbar alt. Ich suche manchmal nach den tiefen Furchen unter meinen Augen und grauen Haaren auf dem Kopf - davon blieb ich noch verschont. Aber es gefällt mir. Ich bin nicht mehr das junge Küken, sondern die Mutter mit zwei Kindern.

Für viele bin ich die Mutter mit zwei Kindern, die ihr Leben nicht im Griff hat. Für viele bin ich die Mutter mit zwei Kindern, die ihr Bonuskind nicht bei sich haben will. Für viele bin ich die Mutter mit zwei Kindern, die andere nur ärgern möchte und Stunk macht.

Das bin ich für andere. Weil sie mich nicht kennen. Weil sie nicht wissen wie ich denke und fühle. Weil sie nicht mein Leben leben.

Andere wiederum sind für mich egoistisch. Ihnen sind, in meinen Augen, ihre Kinder egal. Meiner Meinung nach haben sie keine Lust sich weiter zu entwickeln und sich anzupassen, so, wie andere es eben auch müssen. Sie mischen sich in Dinge ein, die sie nichts angehen und machen damit alles nur schlimmer. Sie zeigen mit dem Dreck unter ihren Fingernägeln auf andere Menschen und machen dieselben Schandtaten, während sie sich selbst in den Himmel loben.
So sehe ich andere. Weil ich all das hier mit ihnen erlebe. Während ich mit den Kindern die Straße hinunter gehe. Oder den Räubi anschaukel. Oder mir die Pinguine im Vogelpark anschaue. 

Genau dann erlebe ich all das mit euch.

Oder ich erlebe es ohne euch. Weil Menschen fehlen. Weil sie nicht da sein können. Und auch darüber werden Urteile gesprochen, die durch Einseitigkeit nicht mehr als unfair sind. Gesprochen vom eigenen Frust über den eigenen Mist, den man angerichtet hat und ausbaden muss. 

Mein Traum vom Muttersein war all das nicht. Es war auch nicht mein Traum, dass andere Mütter so zu ihren Kindern sind und Kriege führen, die nur die Kleinsten verlieren können.
Und trotzdem kann ich noch aufrecht gehen und mit Stolz sagen, dass ich all das gut meistere. Gut meistern bedeutet eben nicht immer, dass ich es so mache, wie andere es erwarten. Denn nicht sie, sondern ich, müssen mit dem Leben, welches ich lebe, klarkommen.

Und es hilft auch nicht, wenn man von Früher spricht. Man kann nicht jeden Tag in der Vergangenheit leben und die Dynamik einsperren. 
Mein Lieblingsargument dazu, welches ich mir dann immer denke, ist: FRÜHER hat Hitler Menschen wie DICH in die Gaskammer gesteckt. 
Und das war schließlich auch nicht okay und ist für die heutige Zeit und die Zukunft nicht mehr akzeptabel.

Harte Worte kriegen immer Gegenwehr. 

Wie immer rechne ich auch dieses Mal mit wertenden Kommentaren von wildfremden Menschen, die sich angesprochen fühlen. 

Bleibt die Frage offen, warum sie sich angesprochen fühlen. Die Wahrheit tut fast immer weh. Es ist das, womit niemand rechnet.

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